Veröffentlicht in Unterwegs: Hongkong

Von der Stange

Da kann ich mich noch so anstrengen, das schaffe ich nie ! Und ich bin nicht einmal sicher, ob mir eine  braune Netzstrumpfhose bis über den blanken Bauch gezogen, mit einem kitschbunten Bikini Oberteil kombiniert und einer locker um die Hüften – kurz vor dem Abrutschen – gewickelte  (!)  Jeans  stehen würde. Ganz abgesehen davon, dass die Zeiten eines Waschbrett Bauches unwiderruflich vorbei sind, zumindest für mich. Herr Gaultier plauderte in New York unlängst heiter in das Mikrophon : “Sies was se gohl, to be sexie. A lietl biet burschuas, miexed wies a lietl biet of schiek ….”

Sexy ist ja ganz schön, Chic erstrebenswert und meinetwegen auch ein bisschen bursch…..na, Sie wissen schon. Da rennt man die ganze Stadt ab, um für diesen einen besonderen Abend noch ein passendes Oberteil zu dem kleinen schwarzen Rock zu finden, steigt abends in die dazu passenden schwarzen Pumps und verflixt: eine Laufmasche ! Ob Models das auch so geht ? Oder sollte man einfach einen neuen Trend kreieren?

Es braucht nur ein kleines bisschen Phantasie und ein paar Tüten Klamotten, die schon lange darauf warteten, an Bedürftige abgegeben zu werden. Da war doch noch die alberne Küchenschuerze mit dem sinnigen Spruch : “Vaters Beste”, diese über die ausgeblichenen und geblümten Shorts aus dem Strand Urlaub von 1982 gewickelt, die schreiend rosa Federboa locker um den Hals geworfen und eine goldene Christbaumkugel ins linke Ohr gehängt. Und dann bräuchte ich mich nicht zu wundern, wenn statt aufgeregter Medien und Modezaren eine paar freundliche, kräftige Männer mit einem kleinen, weißen Jäckchen ohne Ärmel erscheinen würden !

Wer am frühen Morgen die lieben Kleinen an den Bus bringt, hatte gar keine Zeit, an Mode zu denken! Da wird schnell die warme Jacke übergezogen, die bequemen Birkenstock gegen das Paar Schuhe ausgetauscht, das wir sowieo jeden Tag schleppen  und auf einem Auge sind wir noch ein bisschen müde. Make up und eigenwillig hingeworfene Strähnen, die dem Wind in Hongkong standhalten, schaffe ich allenfalls für den Abend und das auch nur nach Stunden im Bad und abwehrenden Rufen Richtung Kinderzimmer.

Überhaupt Garderobe: irgendwie fehlt immer das Teil, das dem ganzen Outfit den letzten Pfiff geben würde. Die schwarze Abendjacke ist für den Winter zu dünn, das türkise Seidenkleid – einmal sündhaft teuer gewesen – ist lange aus der Mode, das Dunkelblaue macht mich blass – warum habe ich das früher nie gesehen? – der graue Hosenanzug ist zwar chic und up to date, kneift aber fürchterlich am Bündchen und wie mein Mann meint: “ Sie hat einen Kleiderschrank voll nichts anzuziehen !”

Nein, mich muss man nehmen, wie ich bin ! In Hosen, flachen Schuhen, einem gemütlichen Pullover oder was mein o.g. Kleiderschrank so hergibt. Kann auch sein, dass Sie mich einmal vollkommen farblos und lieblos zusammengewürfelt durch den Supermarkt hetzen sehen, dann kaufe ich bestimmt noch schnell den Lieblings Joghurt meiner Kinder und diese ohne Öl gerösteten Erdnüsse für meinen Mann. Ob ich ein Trendsetter bin oder Kreationen aus dem Hause “ Teuer gegen Falten “ trage , ist meiner Familie schnurzpiepegal, die lieben mich, wie ich bin: Gott sei Dank kein Model von der Stange !

HKG 1996

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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