Veröffentlicht in Unterwegs: Hongkong

Unter uns…

…ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wir haben unseren Haushalt, ja, unser Leben voll im elektronischen Griff. Da wird nichts mehr mühsam von Hand gebastelt, da gibt es keine Sparstrümpfe mehr, auch das lästige Briefmarkenablecken braucht von uns keiner mehr. Einkaufen? Mit raushängender Zunge und gebeugtem Rücken einen zenterschweren Wagen durch einen überfüllten Supermarkt schieben? Das mussten unsere armen Mütter noch, Gott sei Dank herschen nun bequeme Zeiten!

Ob der dunkle Anzug in die Reinigung muss, kein Bier mehr im Haus ist, sechs Jugendliche unverhofft mit knurrendem Magen in der Tür stehen oder schnell noch dem Freund im fernen Deutschland ein Geburtstagsgruß geschickt werden soll: Per Telefon, Fax und Computer ist das Ganze ein Kinderspiel. Auf ein Wort und eine Nummer wird nahezu alles von freundlichen Geistern im Handumdrehen erledigt.

Kein Kramen mehr nach dem restlichen Haushaltsgeld für den Gelegenheitskauf einer sündhaft schönen Seidenbluse, wenn man ein Plastikkärtchen besitzt. Kein roter Kopf vor einem mahnend dreinblickenden Schalterbeamten bei der Frage nach dem Kontostand. Allerorten stehen uns heutzutage diese praktischen Maschinchen zur Verfügung. Selbst Fragen zu den verzwicktesten Schulaufgaben können in Sekundenschnelle in jeder Bibliothek der Welt nachgeschlagen werden, sofern die Eltern eingesehen haben, dass es ein simples Jugendlexikon Handbuch einfach nicht mehr tut.

Natürlich muss man sich ein wenig umstellen, das Gedächnis übernimmt sozusagen die mühsame Handarbeit. Das Einzige, das man beherschen muss, ist das Erinnern von ein paar zwölfstelligen Kodierungen. Das ist doch nun wirklich kein Problem! Nehmen wir einmal den PIN Code unserer Kreditkarten. Ist doch klar, dass man sich die geheim notiert, so geheim, dass man sich gedanklich Brücken baut um sie im Notfall wiederzufinden. Geheimhaltung ist oberstes Gesetz, denn schließlich soll niemand unbefugt unser Konto plündern.

Dass unser Tür Code – nur vierstellig – jeden Monat gewechselt wird, versteht sich von selbst und ich betrachte diese kleine Änderung als kleines Gedächnistraining. Zugegeben, letzte Woche stand ich nachts um zwei Uhr ein Weilchen vor verschlossener Tür, aber das war schließlich auch gerade erst der Erste des Monats.

Für meine private Korrespondenz habe ich mir ein simples Wort als Passwort ausgesucht, so simpel, dass wirklich niemand darauf kommt. Manche schlagen vor, einen Duden an beliebiger Stelle aufzuschlagen und sich den dritten Begriff auf der linken Seite einzuprägen. Ich halte mich lieber an den Tip, einen Gegenstand auf meinem Schreibtisch als Passwort zu wählen. Ich darf nur nicht vergessen, auf welchem Schreibtisch er steht, auf dem Zuhause oder dem im Büro. Aber das ist wirklich auch alles.

Damit die Kinder nicht stundenlang zu Gebühren, die ihr Taschengeld weit übertreffen, durchs Internet brausen können, haben wir als Eltern natürlich eine Sperre eingebaut, ein einfaches Wort und wir können die monatlichen Belastungen kontrollieren.

Gestern musste ich mich nun beim Drucker entscheiden: Soll auf meiner privaten Visitenkarte neben dem Wohnort und der Straße, neben Telefon – und Faxnummer auch die Mobiltelefonnummer, die ich eigentlich nur meinen engsten Freunden mitteile, stehen oder auch meine neue e-mail Adresse? Ich habe mich für die schlichte Form entschieden: Mobil- und e-mail Adresse kann ich ja gegebenenfalls aus dem Kopf handschriftlich hinzufügen. Eben rief meine Freundin an, wann am Samstag das Konzert beginnt. Könnte ich ihr sagen, steht in meinem elektronischen Kalender. Aber ausgerechnet heute! Hab’ nach gestern Abend einen solchen Kater, weiß ja kaum, wie ich heiße! Musste sie auf später vertrösten, im Moment wollen mir die simpelsten Passworte nicht einfallen…

HGK 1996

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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