Veröffentlicht in Unterwegs: Hongkong

Oh Tannenbaum

Wie ich den heutigen Tag verbracht habe ? So, wie eine rechtschaffene Hausfrau in Hongkong kurz vor Weihnachten:

heute wurde der Tannenbaum geliefert ! Natürlich erst am späten Mittag, somit blieb ich den Morgen über zu Hause, erledigte ein paar schriftliche Arbeiten und als es endlich an der Türe klingelte, kam ich mir vor wie ein Kind, das endlich vor dem Weihnachtsmann steht. Schnell noch eine Unterschrift auf dem Lieferschein und schon war ich mit dem grünen Bündel allein.

Ach, wie es schon nach wenigen Minuten dufete ! Ein ganzer Nadelwald schien in unsere Wohnung eingezogen ! Flugs den schon bereitgestellten Ständer der vielen vorangegangenen Jahre geholt und mit Zweifel auf das abgesägte Ende des Stammes geblickt: ein Trümmer von einem Baumstamm ! Ob der wohl mit seinem gewaltigen Umfang in den kleinen Metallring passt, der widerum die vier Schrauben halten soll ? Man wird sehen.

Allein den Metallring mit den vier Schrauben in den dazu gehörigen, losen Füßen, die durch die rote Schüssel, in der der Baum zu stehen kommen soll, locker zu befestigen, war eine elendige Geduldsarbeit. Gehörte der Ring nun mit der scharfen Kante nach unten oder nach oben ? Passt überhaupt der Stamm hinein? Ring wieder abnehmen, an das untere Ende des Baumes halten, Mist ! Stamm zu dick. Lasse ich also den Ring weg, die Schrauben werden sowieso rundherum in den Stamm gebohrt, das wird auch so halten. Aber allein kann ich den Baum von über zwei Meter Höhe nicht halten und gleichzeitig unten die Schrauben anziehen. Also die “Perle” holen.

Mit Amy beratschlagt, wo er stehen soll, einen Stuhl beiseite genommen, der fliegt ins Schlafzimmer. Hier neben der Bar wird er gut zu stehen kommen, auch ist in der Nähe eine Steckdose. Doch, das passt. Gemeinsam den Baum angehoben, in die rote Metallschüssel gestellt, die umliegenden Schrauben versucht anzuziehen. Amy darf sich nicht rühren, gerade muss der Baum sein. Die Schrauben lassen sich kaum mehr drehen. Hebelkraft muss her. Womit? Da, die Schere vom nahen Sekretär wird ihre Dienste tun. Und Amy haelt immer noch still. Drehen, neu einhaken, drehen und drehen, mein Handgelenk knackt bereits.

Mir kommt die ganze Geschichte wackelig vor, kann Amy schon loslassen? Nein, natürlich nicht, der Trümmer hat bedenkliche Schlagseite. Über meine Hand kriecht eine verspätete, fliegende Ameise, zack, ist sie matsch und an meinen Händen klebt überall Baumharz. Es hilft nichts, das Biest muss wieder raus. Noch einmal die gleiche Übung: anheben, einsetzen, halten, gerade halten, Schrauben anziehen, der Atem geht bereits stoßweise.

Es hilft nichts, ich sehe ein, der so schnöde als nicht notwendig bezeichnete Ring hat wohl seinen Sinn und Zweck. Schrauben, reihum viermal, wieder lockern, lösen, den Baum anheben, rausziehen, beiseite legen. Mittlerweile rieseln vom Baum als auch aus unseren Haaren die Nadeln, scheppernd kracht der nun gelöste Tannenbaumständer in sich zusammen.

Wie bekommt man einen Ring um einen Baumstamm, der unten zu dick ist? Klar, absägen, dort, wo sich der Stamm etwas nach oben hin etwas verjüngt.. Also die zwei kleinen, rostigen Sägen aus der verbarrikadierten Waschküche geholt. Baum auf den Balkon geschleppt, kurzzeitig in Erwägung gezogen, diese Arbeit nun dem Mann des Hauses zu überlassen, dann dagegen entschieden. Hier sind Durchhaltevermögen und Stolz gefragt !

Der Fuchsschwanz erweist sich als zu schwierig, also die kleine handliche Säge, mit der andrere, handwerklich Begabte vermutlich in null komma Nichts nette, kleine Figuren aussägen, ohne auch nur schneller zu atmen. Zu zweit halten wir den Baum, setzen die Säge an und ritsche ratsche schieben wir das rostige Sägeblatt durch die Rinde. Erfolgserlebniss flammt auf, wird aber in kürzester Zeit vom Schweiß überschwemmt: sooo anstrengend ist das? Im Film sägen knackige Burschen, ganze Kerle, sonnengebräunt Riesenbäume durch und singen dabei noch ein Liedchen!

Wir wechseln uns ab, sägen, drehen den Baum immer mal wieder, versuchen die Arbeit zu erleichtern, indem wir fachmännisch einen Fuß auf das Stammende stämmen, es bleibt schweißtreibend und die Handgelenke brennen. Ein hauchdünner Streifen von Sägespäne ziert den Fliesenboden, ein dagegen recht dichter Nadelteppich bedeckt die Perser. Eine Pause wird eingelegt, der Gedanke an einen praktischen Plastikbaum – federleicht und aufzuklappen wie ein Regenschirm – beginnt mich zu überwältigen. Amy hat mehr Geduld, sie feuert mich lachend und kichernd an, es muss doch zu schaffen sein!

Keine Müdigkeit vorschützen, noch einmal tief geschnauft und ran an den Stamm. Ritsche Ratsche und knack, das Ende poltert zu Boden. Lauter Jubel schallt über den Hafen Hongkongs ! Wie rum gehörte noch der Ring? Scharfe Seite nach unten, am Stammende angepasst, mit ein paar kräftigen Schlägen in Position gebracht und mit erprobter Übung den Baum wieder aufgerichtet. Schrauben passen nicht, scharfe Seite gehört nach oben! Baum wieder angehoben, hingelegt, Ring müsam abgeklopft, umgedreht, wieder angepasst. Aufrichten, in die Schüssel stellen, Schrauben anziehen und siehe :das schwere Bündel steht von ganz allein  und schnurgerade im Ständer !

Er steht und wackelt nicht, allerdings mitten auf dem Balkon ! Wie bugsieren wir ihn nun ins Wohnzimmer in die freigeräumte Ecke? Mich schaudert allein der Gedanke, es könne etwas schief gehen. Nur Mut, er muss ins Wohnzimmer, wird schon schief gehen. Geht es dann auch: wir tragen mit vereinten Kräften und angehaltenem Atem den Baum und schon nach einem Schritt fällt der vermaledeite Ständer wieder scheppernd in sich zusammen. Es reicht, mir reichts, Schluss, bleibt er eben mitten im Saal liegen, ich will nicht mehr, soll sich abends der Mann damit abplagen!

Erschöpft und fassungslos sitzen wir nach fast drei Stunden samt dem nadelnden Ungetüm im Chaos und lachen. Amy gibt nicht auf. Hockt am Boden, richtet den Ständer, dreht die Schrauben wieder fast heraus und bringt es fertig, dass ich mich noch einmal – aber wirklich zum allerletzten Male! – aufraffe. Wieder heben wir den Baum an, setzen ihn genau in der Mitte in die rote Schale, ziehen die vier Schrauben rundherum fest und immer fester und er steht. Steht ganz gerade, genau dort, wo er sein soll und muckst sich nicht, als ich ihm probehalber noch einen kräftigen Tritt verpasse!

HKG 1996

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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