Veröffentlicht in Unterwegs: USA

Mehr als eine Wohnung

Die Stimme am Telefon klang freundlich, ausgesprochen freundlich und sehr jung. Das allerdings beunruhigte sie etwas. Die Frau hatte den nächsten Abend vorgeschlagen, ihr Mann wäre dann auch dort und sie könnten sich dann in Ruhe ihre Wohnung ansehen. Lizzy saß noch auf dem Küchenstuhl und dachte nach. Am liebsten würde sie Leroy jetzt gleich im Geschäft anrufen und ihm die gute Nachricht erzählen. Aber sie ließ es. Sie wusste genau, dass er es nicht schätzte. Privatgespräche gehörten sich nicht für einen aufstrebenden Verkäufer bei Cullom & Cullom. Und Leroy hielt sich an die Regeln, er hatte sich ein Ziel gesteckt und war auf dem besten Wege, es zu erreichen.

Gleich würde Billy aus der Schule kommen, sie musste sich sputen. Während sie den Eintopf auf kleine Flamme schaltete, deckte sie den Tisch für zwei Personen. Ein Paar Sandalen lagen noch in der Ecke, ebenso der Frisby, mit dem ihr Sohn gestern im Park gespielt hatte. Sie räumte die Sachen in den Flur, zwängte die Sandalen zu den übrigen Schuhen in die Besenkammer und stieß sich den Kopf am rutschenden Staubsauger. Verflixt!

Seit Monaten schon suchten sie nach einer etwas größeren Wohnung, am liebsten natürlich in der gleichen Nachbarschaft. So könnte Billy seine Freunde behalten. Doch es schien aussichtslos. Mittlerweile waren sie selbst bereit, in einen anderen Stadtteil zu ziehen, um aus der Enge der Zweizimmerwohnung heraus zu kommen. Billy ging nun in die erste Klasse und brauchte dringend ein Zimmer für sich, in dem er auch die Hausaufgaben machen könnte. Sie selbst war mit sieben Geschwistern aufgewachsen. In ärmlichen Verhältnissen, in denen die Familie eben so zurechtkam, dass die Hoffnungslosigkeit sie nicht in den Abgrund stieß. Sie hatte sich geschworen, dass es ihre Kinder besser haben würden und mit Leroy zusammen würden sie es schaffen, ihren mühsam erkämpften Platz zu behaupten. Auch wenn es nur die schwarze Mittelschicht war.

Die Gegend gefiel ihnen auf Anhieb: alte Bäume säumten die kurzen Straßen zum Strand, ältere, drei- und viergeschossige Backsteinhäuser lagen hinter kleinen, aber gepflegten Vorgärten. Sie fanden einen Parkplatz gegenüber dem gelben Klinkerbau der Nr. 59 A in der Columbia Avenue. Billy zerrte an seinem guten Hemd. Wieder steckte Lizzy es ordentlich in den Hosenbund. Sie war nervös. Zu oft schon waren sie abgewiesen worden. Auch jetzt konnte Leroys muntere Zuversicht sie nicht darüber hinweg täuschen, dass auch er langsam mutlos wurde.

Im dritten Stock öffnete ihnen die junge Frau, die sich am Telefon mit Helen vorgestellt hatte. Sie bat Ihren Mann zu entschuldigen, es sei ihm kurzfristig etwas dazwischen gekommen. Der lächelnde Blick, mit dem sie Billy begrüßte, beruhigte Lizzy etwas. Während Helen ihnen etwas zu trinken anbot, für Billy bereits eine Cola aus der Küche holte, tauschten Leroy und Lizzy einander aufmunternde Blicke. Helen plauderte zwanglos über die Wohnung, die Nachbarschaft und weshalb sie ausziehen würden.

Lizzy entspannte sich immer mehr. Helen hatte mit keinem Blick, wie es ihnen schon so oft ergangen war, auf ihre Hautfarbe angespielt. Mit Hinweis auf ihre eigene Schwangerschaft bekräftigte sie Lizzys Wunsch nach einem eigenen Zimmer für Billy, nach einer ruhigen, gefahrlosen Nachbarschaft zum Toben und Spielen. Es schien zu klappen! Die Besichtigung der hellen Wohnung mit ihren Fenstern direkt auf den See steigerte ihre Freude auf die Aussicht eines nahen Umzuges.

Auf dem Heimweg dämpfte Leroy etwas ihren Optimismus: noch hatten sie nicht Helens Mann gesprochen. Erst wenn er zusagte, die Wohnung an eine schwarze Familie in einer ansonsten weißen Nachbarschaft zu vermieten, wäre der Umzug perfekt. Lizzy gab ihm Recht, konnte aber ihre Freude, ihre Hoffnung, nicht verbergen. Sie verließ sich auf ihr Gefühl. Diese Helen war keine von denen, die ihnen bisher den Unterschied zweier Hautfarben klar gemacht hatten. Keine von denen, die behaupteten, eine schwarze Familie zöge die andere nach sich, die Wohnungen des Viertels würden an Wert verlieren, herunterkommen.

Am nächsten Morgen kam sie mit ihrer Hausarbeit überhaupt nicht vorwärts. Ziellos räumte sie Dinge hin und her, die Zeit wollte überhaupt nicht vergehen. Nachdem sie sich gezwungen hatte, die Betten zu machen, das Bad zu wischen, ließ sie den Staubsauger in der Ecke stehen: zehn Uhr. Jetzt konnte sie, wie verabredet Helen anrufen, um zu hören, was deren Mann gesagt hatte. Gleich nachdem Helen sich am Telefon gemeldet hatte, wusste Lizzy Bescheid. Sie hörte kaum auf die Worte, nahm am Rande Helens verzweifeltes Bemühen wahr, der fadenscheinigen Erklärung für diese Absage die Peinlichkeit zu nehmen und fühlte nur grenzenlose Enttäuschung. Auch diese Wohnung würde nur an weiße Mieter vergeben werden.

CHI 1989

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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