Veröffentlicht in Unterwegs: Pakistan

Karachi: Skizzen 1989

19.12.1989
Grau und ohne die gewohnte Sonne kündigt sich ein neuer Tag über Karachi an. In der Küche rumort bereits der Koch. Mahmood ist schätzungsweise an die 70 Jahre alt und hat sich im Laufe der Jahre und wechselnden Herrschaften auf die deutsche Küche eingestellt. Für heute bereitet er ein Gulasch vor, zum Nachtisch wird es einen wunderbar erfrischenden Obstsalat geben.

23.12.1989
Morgen ist Weihnachten. Für zwei ein halb Tage habe ich dem Personal frei gegeben. Zwei Christen und zwei Moslems. Ich wollte von Daniel wissen, wie er mit seiner Familie morgen Weihnachten feiert. Nach einem verlegenen Lachen und einer sehr langen Pause erzählte er mir, dass es für seine Familie an normalen Tagen Chapatti – das Fladenbrot- und Tee zum Frühstück gäbe. Für morgen habe er etwas Geld gespart und somit gibt es noch ein paar Kleinigkeiten mehr zu essen. Das ist dann Weihnachten.
Ich habe Briefumschläge vorbereitet, jeder bekommt morgen Früh fünfhundert Rupees, das entspricht einem Drittel ihres Gehaltes und dann teile ich noch die verbliebenen Nikolaus-Tüten, die von Lufthansa für die Kunden  bestellt worden waren, auf die Familien auf. Ich hoffe, das reicht, denn einer hat 12, der andere 7 und noch einer 4 und der letzte 3 Kinder.

31.12.89
Ein Mann bucht für seinen 16-jährigen Sohn einen Flug nach Deutschland. Er soll sich dort medizinischer Behandlung unterziehen. Der Grund: ihm ist vor einem Jahr ein Auge ausgeschossen worden. Als der Vater nach dieser Erklärung Betroffenheit bei seinem Gegenüber spürt, antwortet er mit einem Achselzucken: “ Ich bin ja auch dagegen, dass die Jungen Waffen haben, aber was soll man machen ….“

Ein 17-jähriger Junge bastelt an seinem ersten, alten Motorrad herum. Die Maschine fängt aus irgendwelchen Gründen Feuer und der Junge erleidet starke Verbrennungen. Nach drei Tagen im Hospital stirbt er.

Heute ist Silvester. Schon seit gestern sind alle paar Stunden Schüsse zu hören. Einzelne Salven, in der Nachbarschaft, in der Ferne. Feuerwehrkörper sind hier nicht üblich, die Christen sind eine Minderheit. Geschossen wird zu jedem Anlass.

Gestern erzählte mir der Fahrer (Richard), sein Traum wäre ein Motorrad. Leider ein Traum, weit entfernt. Es würde ca. 22.000,-Rupees kosten, er selbst verdient im Monat nur 1.600,-. Er wird sehr lange sparen müssen. So ein Motorrad ist noch viel eher erschwinglich als ein Pkw, für den man -gebraucht und klein- ca. 90.000,- Rupees zahlen muss.

Auf den Straßen kann man besonders an Freitagen ganze Familien auf einem einzigen Motorrad ausfahren sehen. Meist sitzt ein Kleinkind
kurz vor dem Lenker, dahinter sitzt der steuernde Vater und hinter ihm zwängen sich noch ein bis zwei Kinder, auf der letzten Ecke des Sitzes sitzt dann die Mutter seitwärts, mit schlenkernden Beinen, zarte Pantöffelchen an den Füßen. Alle natürlich mit flatternden Haaren!
So eine Familie gehört mit diesem fahrbaren Eigentum fast zur hauchdünnen Schicht des Mittelstandes. Mit dem Motorrad ist der Mann nicht gezwungen, seinen Arbeitsplatz nach einem stundenlangen Fußweg, per Rad oder mit den ständig lebensgefährlich überfüllten Bussen zu erreichen. Dazu kommt die Familie, oder wenigstens die Kinder, hin und wieder an einem Freitag heraus aus der häuslichen Enge, dem täglichen Einerlei.

03.01.90
Das neue Jahr begann statt mit Feuerwerkskörpern, mit Gewehrschüssen. Unser Wächter am Tor bedeutete uns wenige Minuten nach Mitternacht, nun das Dach zu verlassen und ins Haus zu gehen, es würde gefährlich werden.
Nun ist der Alltag wieder eingezogen. Heute ist Fensterputz dran. Und das will etwas bedeuten bei einem Haus von ca. 350 qm! Zwei unserer „guten Geister“ sind nun am Schaffen: der eine putzt von drinnen und der andere hat den weitaus anstrengenderen und gefährlicheren Job, nämlich draußen.
Es sind Holzschiebefenster. Eine Hälfte des Fensters ist mit einem Fliegengitter bespannt und vor allem befinden sich schwarze, schmiedeeiserne Gitterstäbe. Im Erdgeschoss mag das alles ja noch angehen, aber im ersten Stock sieht das schon anders aus!
Der Mann turnt auf einem schmalen Sims in luftiger Höhe rund ums Haus und versucht, mit seinem Tuch, zwischen den Eisengittern hindurch, das Glas abzuwischen. Hin und wieder schauen sich die beiden Männer durch das Glas an und der eine bedeutet dem anderen, er hätte auf seiner Seite noch Streifen. Was der andere natürlich nicht für seinen Fehler hält und durch erneutes Wischen seinem Kollegen bedeutet, die Streifen befänden sich auf der anderen Seite des Glases!
Das Fliegengitter wiederum ist sehr einfach zu säubern: man nehme ein Tuch und schlage solange darauf, bis sich der Staub gelöst hat und sich – hoffentlich! – an anderer Stelle niederlegt!
Dass man Farbspritzer und Reste von Klebestreifen auf dem Glas als unmöglich zu entfernen ansieht, ist selbstverständlich!

Doch nicht nur, was die Fenster betrifft, wird die Sauberkeit hier zum Thema Nr. eins. Alles im Haus, am Haus, in jeder Ecke, in jedem Schrank, wird, wenn nicht täglich, so doch wenigstens alle zwei bis drei Tage, gründlich gereinigt. Auf dass Spinnen, Eidechsen, Kakerlaken und sogar Mäuse und Ratten draußen bleiben! Während der drei Wintermonate werden Moskitonetze über die Betten gespannt. Offiziell gibt es in Karachi keine Malaria, aber wer will schon in dieser Hinsicht eine Ausnahme werden!
Jede kleinste Wunde wird sofort desinfiziert, Hände werden täglich so oft gewaschen, wie Andernorts in einer Woche.

Lebensmittel werden grundsätzlich nur im Kühlschrank aufbewahrt, denn sonst würden sie ein Opfer der unzähligen Fliegen, sieht man von den Temperaturen ab.

Aufgrund der großen und häufigen Stromschwankungen haben wir Gleichrichter zwischen die empfindlichen Geräte, wie Fernseher, Video-Gerät, Computer, Stereoanlage und Kühlgeräte geschaltet. Natürlich brennen auch täglich mehrere Glühbirnen durch. Für einen größeren Stromausfall steht ein Generator bereit. Den haben wir bereits eine Nacht lang benötigt, um wenigstens die Lebensmittel in den Kühltruhen zu erhalten

07.01.90
Ein Rausch hat mich gepackt. Kein Kaufrausch der gewöhnlichen Sorte, dieser Art, Langeweile zu töten. Nein, es war Liebe auf den ersten Blick und sogar erreichbar. Das kleine, zarte Kunstwerk hängt schmal gerahmt in einem abbruchreifen Haus, bei einem alten Mann, der seit über 40 Jahren Antiquitäten sammelt.
Das Bild, in leuchtenden Farben zart und voller Details gemalt, stellt eine Szene im Hofe eines Königspalastes dar. Es soll angeblich aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert stammen. Ob es stimmt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dieses kleine Kunstwerk, egal wie alt es sein mag, von ungeheurer Anziehungskraft ist. Es lehnt in einer Reihe viel jüngerer Bilder, leicht verstaubt, auf einem alten Aktenschrank. Ich saß davor und
hätte es noch Stunden ansehen können.

08.01.90
Es ist ungefähr 10 bis 15 cm lang und klebt regungslos an der Wand. Ich kenne es unter dem Namen Gecko und hier sagt man auf Englisch einfach Lizzard. So einen Salamander findet man alle Tage in seinem Zimmer. Meist hält er sich hinter Vorhängen auf oder ganz einfach in einer Ecke hoch oben an der Wand. Wird er aufgestört, flitzt er in unglaublicher Schnelligkeit ein paar Meter weiter. Nach einer kleinen Weile hat seine Haut den Ton seines Untergrundes angenommen. Dort wird es weiter hocken bleiben, sofern es nicht weiter gestört wird, und auf Beute warten, auf Fliegen und Mücken.

11.01.90
Auf der gegenüber liegenden Straßenseite unseres Hauses befinden sich zwei unbebaute Grundstücke. Freie Plätze, nicht eingezäunt bzw. von einer Mauer umgeben, sie dienten bisher der Allgemeinheit als Müllhalde. Hausmüll – genauer gesagt, Küchenabfälle, denn alles andere wie Flaschen, Dosen usw. wird vom Personal verkauft – wird dort abends hingeworfen. Die Milane, streunende Hunde und Katzen und auch das Hausvieh, wie Ziegen und Kühe ernähren sich davon.

Seit ein paar Tagen tut sich etwas auf einem dieser Grundstücke. Man kann Männer beobachten, die den Müll abtransportieren, große Steinbrocken aus dem Grund ausgraben und säuberlich stapeln, Sand wird in kleineren Mengen angefahren und auf einer Ecke der nun freien Fläche schichten zwei Arbeiter grobe Steine auf, die ein begehbares Viereck ergeben. Hier werden sich die Männer während der Bauzeit in ihren Pausen zurückziehen. Es ist offensichtlich, dass auf diesem Grundstück eine weitere Villa entstehen soll.

Es sind keine Baumaschinen, wie Bagger, Kran o. ä. zu sehen. Männer mit Spaten, Hacken, Eimern und Schubkarren bestimmen das Bild.

13.01.90
Nicht nur Bettler stehen an den Straßenkreuzungen, auch fliegende Händler bieten ihre Ware feil. Tageszeitungen, Illustrierte, Luftballons, Kinderspielzeug werden den Autofahrern allerorten angeboten. An einer Kreuzung stand wochenlang ein Mann mitten im brandenden Kreisverkehr und hielt den ganzen Tag Welpen, einen in der linken, einen in der rechten Hand, den Autofahrern entgegen. Ab den späten Nachmittagsstunden, wenn es auf den Abend zugeht, werden Blüten verkauft. Die Blütenköpfe sind wie Perlen an einer Schnur aufgereiht und werden der Dame für den Abend ums Handgelenk gebunden und verströmen für Stunden ihren intensiven Duft.
Die Händler sind einfache Menschen, kaum einer kann von ihnen lesen oder schreiben. Umso verblüffender reagierte gestern ein Händler auf Jürgen:
Seit er von der Lufthansa als Verkaufleiter für Pakistan in die Millionenstadt Karachi versetzt wurde, erschienen in verschiedenen, lokalen Zeitungen sein Bild und eine kurze Personalbeschreibung. Nun lebt er hier seit knapp drei Monaten.
Er ist mit dem Auto unterwegs und hält an einer roten Ampel. Ein Händler erscheint an seinem Seitenfenster, hält ihm eine Illustrierte entgegen, Jürgen winkt ab, der Händler dreht die Hand um und zeigt auf der Rückseite ein anderes Exemplar, Jürgen schüttelt wieder den Kopf. Der Händler sieht Jürgen durch die Scheibe an, er grinst, blättert eilig in dem ersten Magazin – an einer roten Ampel hat man nicht ewig Zeit!-, schlägt auf und hält Jürgen triumphierend dessen Foto entgegen. Lachen auf der einen Seite, Verblüffung auf der anderen Seite des Fensters.

16.01.1990
Hummer sind heute auf dem Markt nicht zu bekommen. Aber der Koch hat ja so seine Kontakte! Der Träger kennt einen Mann, der die Hummer noch am gleichen Tag fangen kann, wenn er welche findet.

Und so sieht dann die Bestellung aus: Der Koch bespricht die Größe und Anzahl der Hummer mit dem Träger. Der wird seinem Bekannten Bescheid geben. Dieser wird den Fang versuchen und dann den Träger wissen lassen, wann, wie viel abgeholt werden kann. Der Träger wird diese Auskunft an den Gemüsehändler auf dem Markt weiterleiten. Der Gemüsehändler verfügt auf diesem orientalischem Markt, inmitten seiner Kisten, über ein Telefon. Er wird nun – Inshallah – unter der von uns zurückgelassenen Telefonnummer anrufen, um zu sagen, die Hummer wären bei ihm deponiert, wir könnten sie abholen und er reicht dann auf dem gleichen Wege das Geld weiter.

23.01.90
Daniel ist weder zu hören, noch zu sehen. Nicht weiter verwunderlich, denn er schleicht – stets barfuß, obwohl ich ihm dicke Socken gegeben habe, denn der Steinboden ist kalt in dieser Jahreszeit- durchs Haus und nur an seinem gelegentlichen, kurzen Husten kann ich hören, wo er gerade steckt. Das obere Stockwerk wird vormittags erledigt, Betten gemacht, Bäder geputzt, Böden gefegt und nass gewischt.
Die Mittagspause ist lange vorbei, Daniel ist nirgends zu sehen. In der unteren Halle sind wieder zwei Glühbirnen durchgebrannt, der große Teppich ist mit Krümeln und Hundehaaren übersät und die gelieferte Kiste steht immer noch neben der Eingangstür.
Aha, draußen sitzt er also! Hockt auf den Stufen und raucht gemütlich seine Zigarette. Das geht zu weit! Gestern den Glastisch nicht putzen, das Gäste WC schlicht übersehen und heute draußen in der Sonne hocken!
Ich frage ihn, aus der Küchentür heraus, wann er gedenkt, die Kiste nach oben zu schaffen und danach möge er gleich staubsaugen.
Von oben höre ich ihn staubsaugen, dann wieder Stille. Er hockt draußen unter dem Küchenfenster und raucht! Jetzt reicht es mir aber! Laut klappernd nehme ich die beiden Kaffeetassen und beginne, sie abzuwaschen, woraufhin Daniel sofort in der Küche erscheint und meint, das bräuchte ich doch nicht, er könne es tun.  Nicht sehr freundlich haben wir uns an diesem Nachmittag voneinander verabschiedet.
Als er am nächsten Morgen in der Küche steht, ziellos Dinge in die Hand nimmt, um sie gleich wieder hinzulegen, merke ich plötzlich, dass der Mann krank ist. Mit seinen paar Englischkenntnissen erzählt er mir von seinen Gliederschmerzen und dem Schwindelgefühl. Er fragt nach Tabletten, dann ginge es ihm sicher gleich besser.
Ich habe ein schlechtes Gewissen. Der Mann ist kurz vor dem Zusammenbrechen und erscheint dennoch zur Arbeit. Ich gebe ihm Schmerzmittel und will ihn nach Hause schicken, er gehört ins Bett. Er bittet mich, ihn hier in seinem Hinterzimmer schlafen zu lassen, den Weg nach Hause von knapp zwei Stunden würde er im Moment nicht schaffen.

KHI 1989

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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