Veröffentlicht in Unterwegs: Hongkong

Der chinesische Pavillon

Dort, wo die Stadt am Berg aufgehört hat, Stadt zu sein, dort in der steilen Kurve, in der aus der CONDUIT ROAD die PO SHAN ROAD wird, befindet sich die Feuerwache. Ganz unscheinbar, versteckt im Grün, das sich durch den befestigten Fels und Beton drängt, führen links von ihr die steilen Stufen einer Treppe den Berg hinauf.

Die Treppe geht in einen breiten, asphaltierten Weg über, der sich stetig und immer noch recht steil den Berg hinauf windet. Teilweise überdacht aus vielerlei kräftigem Grün, von Sonnenstrahlen durchbrochen. Bambus wächst schwarzdicht, die Diefenbachia hat sich hier zu einem kleinen Bäumchen gemausert, auf einem Fels sonnt sich eine stahlgraue Libelle. Schmetterlinge kann man sehen, groß, wie kleine Vögel. Diese wiederum hört man zahlreich aus dem dichten Grün, doch nirgends ist einer der weißen Kakadus zu sehen. Laut und blechern tönt ein Radio, raschen Schrittes kommt ein Mann den Berg herunter, bleibt an keiner der kleinen, hölzernen Bänke am Wegesrand stehen. Es ist wieder still im Wald.
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Nach einer ungeübten, schnaufenden halben Stunde ist die erste Weggabelung erreicht: der hölzerne Wegweiser nennt in westlicher und östlicher Richtung auf chinesisch den weiteren Weg.

Doch kaum folgt man dem bisherigen Weg, der an dieser Stelle endlich eben ist und sich ein paar Meter weiter wiederum teilt, zeigen sich links große Stufen, den Berg erklimmend. Die Stufen sind ehemals mit Beton ausgegossen, nun schon sehr ausgewaschen und gelb versandet; es sind fast nur noch runde Buckel vorhanden, die über diese Bergkippe führen.

Auf halber Höhe ein Blick zurück: der eben begangene Weg dort unten macht einen überraschenden Knick und in diesem versteckten Winkel beginnt eine weitere Treppe eine andere Bergkuppe zu erobern. Mit klarem Ziel, denn am Ende der Treppe, hoch oben auf dem Gipfel steht in luftiger Höhe ein Pavillion.

Flugs die ausgewaschenen Stufen wieder hinunter und im Winkel die mit weißem Geländer gesicherte Treppe bergan. Oben endlich angekommen möchte, muss man verweilen! Eine Rundum Aussicht, beginnend, den Blick zurück auf den zurückgelegten Weg mit den Hochhäusern des MIDLEVELS im Rücken, nach Norden über den Hafen, über STONECUTTER ISLAND und dahinter den NEW TERRITORRIES, über die Insel LANTAU, bis nach Westen, wo nun die Sonne niedrig steht, vielerlei Inseln, dunkelgrün und hügelig im Dunst liegend und weiter, zwischen zwei nahen Bergkuppen hindurch, ein Ausschnitt auf das südliche Meer. Fern und winzig diese Welt, abgetrennt durch dicht und dunkelgrün bewaldete Berge.

Es ist friedlich hier oben, der Wind zaust sanft in den Haaren, kein Stadtlärm dringt herauf, hier und dort sind einzelne Spaziergänger auf den fernen Wegen zu sehen. Kleine zitronengelbe Falter und große, samtdunkle Schmetterlinge tummeln sich über dem vom Sommer verbrannten Gras. Frieden weht durch diesen Pavillon.

HKG 1996

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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