Veröffentlicht in Unterwegs: Jordanien

Amman: Skizzen 1989

Sonntag
Am neuen Flughafen Queen Alia Airport werden wir vom Stationsleiter Herrn Albrecht erwartet. Alle Koffer bis auf einen sind angekommen. Jürgens Koffer wird also weiter bis nach Sanaa fliegen, dort umkehren und am nächsten Morgen hier eintreffen.

Der Fahrer Rasim steht schon mit dem Auto bereit und fährt uns die 30 km vom Flughafen in die Stadt.

Die Stadt Amman, gebaut auf angeblich sieben Hügeln ist zu einem kleinen Teil vom Garten aus zu sehen. Das Haus steht am Hang und ist mit seinen schweren Rollgittern gesichert wie eine Festung. Doppelt und dreifache Türschlösser, Vorhängeschlösser an den Gartentüren.

Vom Licht und Lärm aufgeschreckt, läuft uns als erste Begegnung eine 10 – 15 cm lange, schwarze Kakerlake über den Weg. Auch ihr Tod hindert mich nicht mehr daran, im Haus Schuhe zu tragen.
Montag
Nach einem Tag der ungewohnten, als auch begrüßten Langeweile, Stunden, in denen es weder Betriebsamkeit noch Unterbrechungen von außen gibt, fahren wir abends in ein arabisches Restaurant. Es heißt Al Waha und erfreut sich anscheinend allseitiger Beliebtheit. Im Freien errichtet, sitzt man den Beduinen gleich unter einem Sackleinendach wunderbar luftig. Daneben stehen ein paar Karussels zur Belustigung der Kinder und Entlastung der Eltern.

Dienstag
Nach dem gestrigen, kühlen Tag scheint die Sonne vom blauen Himmel und kündigt Hitze an. Draußen regt sich noch kein Lüftchen, die langen Ranken der Reben hängen still, auch das Laub der Zitronenbäume bewegt sich nicht. Der Straßenlärm kommt kaum herauf, nur ganz fern hört man hier und da ein Hupen.
Hier scheint es Zeit im Überfluss zu geben. Balsam für die europäische Seele, Wohltat für alle angespannten Glieder und Nerven.

Mittags fahren wir kreuz und quer durch die Stadt, den Stadtteil „Jabal Husseiny“, der an den Altstadtkern „Amman“ angrenzt, bis hinauf zur alten Zitadelle bzw. deren Überreste, hoch gelegen, mit einem weiten Blick über diese beiden Stadtteile. Gleich neben „Amman“ erheben sich zwei weitere Hügel, an denen ärmliche Häuser mit quadratischen, dunklen Fenstern kleben, dicht an dicht, wie Zigarrenkistchen. Dies ist der Stadtteil „Jabal Ashrafil“, in dem viele Palästinenser leben, einer der Ärmsten dieser Stadtteile. Nördlich davon, am Fuße eines Jabals, eines Hügels, sehen wir das Amphi Theater felsenrot in der prallen Mittagssonne liegen.

Hier oben stehen wir im kühlenden Wind, schattenlos und lassen unsere Augen wandern. Der grellen Sonne und unseren Blicken preisgegeben, schleppen Frauen, gefolgt von ihrer Kinderschar, den Hausmüll auf ein Geröllfeld, nur wenige Schritte entfernt von ihren Häusern, um ihn dort auszukippen. Irgendwo weint ein Säugling, ein Mann verlässt sein Haus mit ausholendem Schritt, die Frau steht mit dem Kind auf dem Arm im schwarzen Schatten der Haustür. Drei Kinder winken uns von weitem zu, rufen auf Englisch „Hello“. Rufen und winken fröhlich, kommen zu uns. Sie nennen uns ihre Namen und der ältere Junge bittet um Geld.

So fern wie das Brummen des Straßenverkehrs, so winzig und fern sind die an den „Jabal Ashrafil“ geklebten Behausungen. Fern und doch zu begreifbar. Wir schütteln verneinend den Kopf, als der alte Mann hinter uns, uns in das kleine archäologische Museum führen will und steigen ins Auto. Kehren unseren bedrückenden Gedanken und Erinnerungen erleichtert den Rücken und fahren durch „Amman“.

Durch ein Gewühl von Autos, Menschen, vorbei an hunderten kleiner Läden, Shawarma- und Obst Ständen, mit langem Hals vorbei an den Goldgefüllten Fenstern der Juweliere, dem Gold Souk. Wir sind erschöpft und erhitzt, kehren zurück ins Haus, schlafen eine Stunde in kühler Dunkelheit, im Haus der wenigen Reichen dieser Stadt.

Abends wieder eine Fahrt durch die Stadt. Dieses Mal in die Nachbarschaft der Bürobauten, umgeben von kleinen Restaurants; ein kleines Gebiet, das eben zwei bis drei Blocks umfasst. Um diese Zeit gegen 19 Uhr trifft sich hier die Jugend zum „Show off“. Man(n) zeigt, was man hat: ein schnittiges, auf Hochglanz poliertes Auto nebst Stereo Anlange, die auf keinen Fall überhört werden darf. Und dann die weibliche Jugend! Herausgeputzt für diesen heimatlichen Laufsteg, cool und lässig, die sich Begleiterin eines Autofahrers nennen dürfen; posierend und sich der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bewusst, die anderen. Mädchen Arm in Arm, langsam schlendernd, lachend. Diese Straßen sind erfüllt von dröhnenden Bässen der Stereoanlagen, lautem Rufen von Auto zu Auto, herausfordernder Fröhlichkeit der weltlichen, freieren Jugend dieser Stadt.

Einmal um den Block spaziert, begegnen uns wieder die gleichen Mädchengruppen, sehen wir die gleichen, herausgeputzten Kinder neben ihren jungen Eltern Eis schlecken, fahren die bekannten Autos mit lauter Disco Musik langsam oder auch nach einem „Kavalierstart“ um den Block herum. Alle zeigen, warten, suchen, wer weiß, was dieser Abend mit sich bringt und wenn nicht heute, sieht man sich spätestens morgen. Wo? Natürlich wieder hier!

Nicht weit entfernt von hier, im neu errichteten Freizeit Zentrum „Abdullah Gardens“ finden junge Paare über etliche Marmortreppen, zwischen sorgsam gepflanzten und täglich gewässerten Blumenbeeten, lauschige Plätzchen unter dem Sternenhimmel, um sich wohl sittsam, unter den Augen der Öffentlichkeit, aber allein zu treffen, sich zu unterhalten. Ein paar Treppen weiter tragen die jungen Frauen fast ausnahmslos wieder ihr Haar bedeckt, an der Seite eines jungen Ehemannes, ein Baby im Arm und wenigstens zwei Kinder neben ihr. Hier treffen sich in den lauen Abendstunden die jungen Familien. Hier sind die Spielplätze überfüllt, die Mäuerchen besetzt von Eltern, die Eisstände umlagert. Eine Betriebsamkeit mit Kinderlärm wie an einem Sommertag an deutschen Seebädern.

AMM 1989

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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