Veröffentlicht in Unterwegs: Pakistan

Verwandte

Die neuen Regale sind nicht nur da, nein, sie hängen auch endlich an der Wand! Jungfräulich leer warten sie, gefüllt zu werden. Endlich kommen die Bücher aus den vielen Kartons, werden in kleinen Stapeln mal hier, mal da verteilt, erst nach Autoren und die wiederum nach Sachgebieten. Was an sich eine einfache Sache ist, sofern eine größere Anzahl Werke von einem Schriftsteller vorhanden ist. Aber was soll mit all den einzelnen, wie verloren gegangenen Büchern geschehen, die einsam, ganz für sich, neben den hohen Stapeln der Sammlungen liegen? Da beginnt ein Forschen nach Verwandten, Verfechtern eines gleichen, wenigstens ähnlichen Gedankens. Da sieht man ein hastiges Suchen, fühlt ängstliches Gedränge nach einem geborgenen Plätzchen für einen schmalen Band und hört auch hier und dort einen entsetzten Aufschrei:

Siegfried Lenz möchte nichts mit der Dame Chatterly zu tun haben! Hermann Hesse ist schon ganz bleich geworden, nie, niemals hält er es neben einer Blechtrommel aus. Auch Thomas Mann äußert sich empört mit tiefer Stimme über seine Nachbarin, eine Lesbe hat in seiner Welt gar keinen Platz!

Ein Rennen und Flüchten setzt ein, es wird geschubst, gedrückt und geschoben, Lücken entstehen, vor Engpässen gibt es ein Chaos, jede kleine Ritze wird ausgefüllt, bis größere Gruppen geschlossen abrücken und dennoch maulen, sie stünden viel zu weit entfernt von bestimmten anderen Großgruppen.

Aber wie das so ist im Leben: man kann sich seinen Platz nicht immer aussuchen. Da gibt es – boshafter Weise – höchst widersprüchliche Verbindungen, die scheinbar jemand mit diebischem Vergnügen hergestellt hat! Warum sollen sich die Jungautoren in ihrer Anthologie nicht unsagbar wohl fühlen in der Nachbarschaft eines Herrn Satre? Warum sollten Vicki Baum und Erich Segal sich sträuben, aneinander zu lehnen? Sollte Herr Gantenbein tatsächlich erblindet sein, wäre es Stefan Zweig sicherlich ein Vergnügen, ihm die „Schachnovelle“ noch einmal zu erzählen.

In einem einzelnen Buch ist soviel Leben, soviel Bewegung, die aber an den Buchdeckeln aufzuhören scheint. Da mußte unbedingt etwas nachgeholfen werden! Mit leichter Hand, Phantasie und einem gewissen Hang zur Intrige. Wer weiß, vielleicht sickert nun das Eine oder Andere durch, bleibt alles im Fluß, wird fließen, munter fließen….

  KHI 1990

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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