Veröffentlicht in Unterwegs: Pakistan

Komm mit mir zum Victoria !

Hier draußen, im Wohngebiet „Defence“ merkt man kaum, in welchem Land, in welcher Stadt, man sich befindet. Uninteressant, diesen gesichtslosen, reichen Villenvorort dieser an sich hässlichen Millionenstadt Karachi zu beschreiben. Wenn du magst, kannst du ja morgen oder an einem anderen Tag mit meinem Fahrer durch unsere nähere und weitere Nachbarschaft bis hinunter ans Meer fahren und versuchen, über hohe Mauern und hier und da geöffnete Tore einen Blick auf diese Villen, zahlreich bis phantasievoll bis geschmacklos protzig, zu erhaschen.

Heute fahren wir in die Stadt, ins „Saddar“ hinein.

Komm, steig ein, du darfst auch vorne sitzen, wegen der besseren Sicht, nein, links musst du einsteigen, rechts sitzt der Fahrer. Hier haben die Engländer u. a. auch den Linksverkehr eingeführt und hinterlassen. Trickreich für unsereins ist das Abbiegen und daher begrüße ich, in den wenigen Stunden, während der ich selbst fahre, den Kreisverkehr, hier „round about“ genannt. Lass uns den etwas längeren Weg durch das „Defence“ nehmen, er ist mir vertraut und daher lieb.

Hier an dieser Kreuzung biegen wir rechts auf den breiten „Sunset Boulevard“. Viel Ähnlichkeit hat er mit dem in Los Angeles nicht, eigentlich gar keine, er ist nur, wie du siehst, recht breit. Offiziell dreispurig, von einem breiten Mittelstreifen getrennt, der scheinbar neue Asphalt alle paar Meter aufgerissen, mit teilweise tiefen Löchern gespickt und von langweiligen Villen gesäumt. Urplötzlich, als habe man einen Zaun quer über die Strasse gezogen, gibt es keine Villen mit grünen Palmen mehr. Wie du es auch aus USA kennst, von einer Straßenseite zur anderen, wechselt an dieser „Gizri-Kreuzung“ das Bild: hier stehen die ersten Bettler am Straßenrand, unter ihnen ein wohl zwölfjähriger Junge mit Krücken, den du hier täglich finden kannst, und humpeln und tasten sich von Auto zu Auto, solange die Ampel dem Autoverkehr rot zeigt. Die Straße verengt sich, allzu schnell kann man nicht fahren, wie jeder hier weiß: weiterhin ein hoch gemauerter Mittelstreifen, der allzu eilige Fahrer in der Bahn halten soll, links und rechts „shops“, die „Punjab Colonie“, Slums.

Direkt an der Straßenfront ein Lädchen an dem anderen, die Stirnseite völlig offen, zwei Meter hoch, drei bis vier Meter breit. Etliche Autoreparaturen, Klempner und Eisenhändler, rechts einige Garküchen, ein winziger Zigaretten und „Pan-Stand“ und zum Ende dieser Reihe, auf beiden Straßenseiten, Blumenstände, einander gegenüberliegend. Sieht das nicht schön aus? Endlich ein paar Farbtupfer nach den grauen, ölverschmierten shops.

Anders als in Deutschland stehen hier einzig Rosengestecke in unterschiedlichen, meist gleich großen Formen, sauber in Zellophan verpackt, direkt am Straßenrand vor den Läden, am Abend unter heller Gasbeleuchtung. Die Händler sitzen im Schneidersitz auf ihrem hölzernen Verkaufstresen, vor sich aufgehäufte Blütenköpfe und fädeln diese, Perlen gleich, mit Nadel und Faden zu wohlriechenden Armbändern auf. Diese, mit stets der gleichen, leuchtend rosafarbenen, intensiv duftenden Blüte, bekommen Damen am Abend geschenkt, um sie z. B. zu Partys oder gar zu einer Hochzeitseinladung zu tragen.

Nun wird die Strasse wohl breiter, doch weder sie noch die Nachbarschaft besser bzw. ansehnlicher. Hast du den Mann da drüben gesehen? Da, da hockt er am Straßenrand, abgewandt, nur sein runder Rücken unter dem tief auf den Boden fallenden Hemd ist zu sehen. Er benutzt – ganz selbstverständlich – die „öffentliche Toilette“.

Es ist ein Mangel an so vielen Dingen, z.B. das Wasser: der nächste Kreisverkehr, du kannst ihn da vorne schon sehen, wird beherrscht von einem riesigen pechschwarzen U-Boot. Damit es nicht auf dem Trockenen sitzt, hat man einen großen Springbrunnen mit einem Becken drum herum gebaut. Jetzt kannst du es sehen: ist es nicht hässlich? Na, wie auch immer, hier gibt es WASSER! Jeden Freitag, oft auch in der Woche, toben und baden hier die Kinder der Umgebung, natürlich nur Jungen! Die haben einen Spaß, es ist köstlich! Sehr oft habe ich auch Frauen gesehen, die hier ihre Wäsche waschen. Regelmäßig werden die Frauen und Kinder  von Ordnungshütern verjagt, aber schon Stunden später sind sie wieder da. Wasser muss man eben nehmen, wo und wann man’s kriegen kann!

So, da vorn ist schon die neue, daher unübersichtliche Kreuzung am „Agha’s“, die bislang ein Kreisverkehr war. Links hinunter führt die Strasse zum „Bilawal House“ von Benazir Bhutto und rechts kannst du „Agha’s“ sehen: ein scheinbar typischer, kleiner Supermarkt, eher ein Krämerladen, allerdings stadtbekannt, hält er doch stets – wenn auch mit wechselndem Angebot – Schmuggelwaren, d.h. westliche Lebensmittel, bereit. Viele Ausländer und auch Pakistanis mit dem nötigen Kleingeld kaufen hier ein, durchschreiten mit geübtem Blick die vier engen Gänge und kaufen auch die Waren, deren Haltbarkeit offiziell laengst abgelaufen ist. Was man im „Agha’s“ nicht bekommen kann, gibt es in dieser Stadt an keiner anderen Stelle!

Was ist denn da vorne los? Natürlich! Unsere Richtung wird mal wieder aufgehalten, nur weil der Verkehrspolizist dort in der Mitte der Kreuzung einen hohen Regierungsbeamten oder sonst ein „hohes Tier“ mit Sirene und Begleitschutz in rasender Fahrt erwartet. Na endlich, da sausen sie auch schon vorbei: von rechts aus der Stadt kommend, Richtung „Clifton“, kurz vor dem Meer, dort wo all die Generalkonsulate zu finden sind. Vielleicht fahren sie auch ein Stückchen weiter, zum „Bilawal House“, dem Sicherheitstrakt Stammheim ähnlich, und trinken ein Tässchen Tee mit Benazir.

Nun aber los: über die Kreuzung, rechts abgebogen und bald haben wir die eine der beiden Zufahrten zu dem sich weit erstreckenden „Defence“ aus Richtung Stadt erreicht, die „Cliftonbridge“.

Sieh mal, mit was für hübschen, blauen Kacheln sie verziert ist! Und jeden Tag wälzt sich, wie jetzt, der einspurige Verkehr über diese  Brücke, so kurz, geschwungen und schmal, nicht erdacht für diese stinkenden, sich Stoßstange an Stoßsstange schiebenden Automassen.

Hier links siehst du das ehemalige „Holiday Inn Hotel“ hinter den großen, alten Bäumen, heute heißt es „Marriott Hotel“, daneben das amerikanische Generalkonsulat, hoch eingezäunt und hinter dieser nächsten, hohen Mauer verbirgt sich das „State Guest House“. An der „Club Road Kreuzung“ wieder rot: eine wie uns in Deutschland bekannte „grüne Welle“ gibt es hier nicht.

Ach, guck mal, nein, du musst tiefer rutschen, da siehst du das Eckfenster im dritten Stock, das Hotelzimmer des schäbigen und alten „Metrolole“ war einmal für ein paar Wochen mein Zuhause. Also wirklich! Der weiß gekleidete Verkehrspolizist dort drüben steht locker und bequem und bohrt sich andächtig in der Nase! Hat ja eigentlich auch Recht: um die Verkehrspolizisten kümmert sich hier niemand, so wenig angesehen wie sie sind, sind sie auch überfordert und unterbezahlt. Wie oft habe ich an Kreuzungen gestanden und beobachten können, wie mehrere Polizisten vollkommen unkoordiniert mit ihren Armen widersprüchliche Zeichen an die Autofahrer gaben, hätten diese sie willig und blind befolgt, es sofort zu einer Massenkarambolage gekommen wäre! Ergo: man ignoriert sie besser. Außerdem ist jedem bekannt, dass – einmal von solch einem Polizisten angehalten – es sich nur um ein auszuhandelndes Schmiergeld gehen kann. Na, endlich fahren wir weiter! Also, wie gesagt, ich würde nie vor so einem Typen anhalten, es sei denn Militärpolizei steht daneben, aber das ist ein anderes Thema.

Magst du ein Bonbon? Ich habe immer welche im Auto und gebe sie oft an die bettelnden Kinder am Straßenrand, denn Geld müssen sie ihrem Boss abliefern.  Gleich sind wir da, am „Zainab Market“ – die wenigen Touristen nennen ihn den T-Shirt Markt – am „Zainab“ also vorbei, über eine weitere Kreuzung, Moment, jetzt müssen wir sehr langsam fahren. Wie oft habe ich schon die kleine, enge Strasse verpasst, hier, hier am „APWA Laden“ rechts rein: ja, hier kann man nur Schritt fahren, so eng ist die Gasse, stets muss man kreuz und quer geparkten Autos und den in der Mitte gehenden Fußgängern ausweichen.

Lass uns hier anhalten, die paar Schritte gehen wir eben rüber und der Fahrer kann – Teil seiner Aufgabe – in der Zwischenzeit einen Parkplatz finden, er wird auf uns warten. Hast du deine Tasche? Gut.

Siehst du dort links das gelbe Sandsteingebäude? Sieht aus wie eine stehen gebliebene Fassade eines Abbruchhauses, ganz und gar tot. Pass auf, wo du hintrittst, überall liegen Stolpersteine, gibt es Absätze ehemals vorhandener Bürgersteige. Da sind wir, du wirst staunen!

Wie schade! Auf dem Schild an der altmodischen, zweiflügeligen Tuer mit ihren halbblinden Glasscheiben steht „Closed“! Und dabei ist es schon nach elf Uhr, dem Zeitpunkt, zu dem hier die Bazare und Geschäfte am Morgen öffnen. Dann lass dir wenigstens erzählen, was dich erwartet hätte:

In diesem Haus hat seit vielen, vielen Jahren ein Antiquitätenhändler sein Geschäft. Drückt man die ausgeleierte, altmodische Klinke dieser Tür hinunter und öffnet sie, ertönt – du brauchst gar nicht lachen! – ein helles Glöckchen. Deine Augen müssen sich nach dem gleißenden Sonnenlicht erst an das schummerige Dunkel da drinnen gewöhnen. Während du im Eingang eines riesigen Raumes mit einer sehr hohen Decke stehst, rechts und links einige Esszimmerstühle ausmachen kannst, und dich fragst, wo du hineingeraten bist, kommt dir ein schlanker, großer Mann fast lautlos entgegen. Er kommt ruhig und gelassen auf dich zu und erst jetzt kannst du sehen, dass er schon recht alt sein muss. Nach der Begrüßung lädt er dich ein, dich umzusehen und du bist noch ein wenig verwirrt und ratlos. Lass dir erzählen, wie es mir erging, als ich das erste Mal in diesen Raum stolperte:

Mein Blick glitt über all diese wohl kostbaren Stühle, suchte aber Einzelheiten, auch andere Dinge. Im ehemaligen Fenster rechts neben der Eingangstür sah ich dann kleine Figuren aus Silber, auch aus Stein, auf Holzsockeln montiert. An den Wänden einige moderne Ölbilder, alte, ausgetretene Brücken lagen auf dem Boden. Als ich den linken Teil des Raumes durchquerte, hatten sich meine Augen an das Zwielicht gewöhnt und ich bemerkte auf einem Schränkchen – zumindest für meine Augen – entsetzlich kitschige Pferdefiguren, Rösser auf der Hinterhand, aus irgendeinem edlen Material, war es Edelstein? Ich bin nicht mehr sicher. Und genau daneben hingen wieder moderne Ölbilder, aber auch andere Kostbarkeiten. Buddha, auf Seide gemalt, in weichen, warmen Naturfarben, scheinbar alt.

Der Mann war mir ruhig gefolgt, hier und da gab er eine kleine Erklärung ab, ließ mir für meine Betrachtungen aber auch Zeit. In dieser entspannten Atmosphäre fühlte ich mich wie in eine andere Welt versetzt! Wir kamen ins Gespräch und schlenderten zu seinem Schreibtisch. Er bot mir eine Zigarette an und erzählte mir von seinen Sammlungen. Seit über vierzig Jahren handelte er nun schon mit Antiquitäten aller Art und nannte auch einen großen Teil davon sein Eigen, seinen Privatbesitz.

Mein Blick fiel auf einen Aktenschrank, auf dem drei kleine Bilder lehnten, „miniatures“ nannte er sie englisch. Eines fesselte mich besonders: in leuchtenden und doch harmonisch abgestimmten Farben, zart und voller Details gemalt, stellte es eine Szene im Hofe eines Königspalastes dar. Der Händler gab an, es stamme aus dem frühen, siebzehnten Jahrhundert. Es hatte mich ein Rausch gepackt. Kein Kaufrausch der gewöhnlichen Sorte, wie du jetzt denkst! Nein, es war Liebe auf den ersten Blick! Ich zündete mir noch eine Zigarette an und später noch eine. Der Mann hatte mich allein gelassen und ich konnte später nicht mehr sagen, wie lange ich vor diesem Kunstwerk wohl gesessen habe. Ich saß nur da und war entzückt. Nie hatte ich etwas Schöneres gesehen. Ich konnte und konnte mich von seinem Anblick nicht trennen! Du kannst dir sicher denken, wie die Geschichte ausgegangen ist! Natürlich wollte ich es haben, besitzen, mitnehmen. Natürlich habe ich mich auch gefragt ob es alt und der mir genannte Preis auch wirklich gerechtfertigt sein. Um es kurz zu machen: ja, ich kam einen Tag später wieder und kaufte es.

Ich war dann noch oft wieder hier, manchmal nur zum Gucken. Hin und wieder rief mich der Mann – dessen Namen ich bis heute nicht weiß – auch an, er hätte etwas Besonderes. Wenn ich dann kam, holte er aus irgendwelchen Schubladen, sorgsam in Papier gehüllte Kostbarkeiten hervor. Man sagt sogar, er verkaufe nicht an jedermann. Ich kenne Leute, denen er noch nie etwas gezeigt hat. Tja, nun ist er nicht da und ich hätte dich so gern einmal hier herein geführt!

Stöhne nicht, mir ist auch heiß, nicht nur dir läuft der Schweiß herunter, das geht jedem so! Pass auf, wir lassen den Fahrer allein nachkommen, ist sowieso schwierig genug, sich durch den Verkehr zu zwängen und da wir nun schon einmal hier sind, kann ich dir auch gleich mal den „Bori Bazar“ zeigen. Der ist nur zwei Straßen weiter, da können wir eben zu Fuß rüber gehen. Was das ist? Der Haushalts Bazar! Ich stöbere gern dort und jedes Mal fallen mir Dinge ein, die ich lange schon für meinen Haushalt hatte besorgen wollen oder manches Mal nicht gefunden habe. Nur Vorsicht jetzt, ich zeige dir, wie man hier eine große, breite Straße überquert und ich sage dir, auch du wirst den „Bori Bazar“ lieben! Und morgen gehen wir zum „Empress Market“, dem größten Markt der Stadt. Dort werden wir ein Fest der Sinne erleben: Gewürze, Nüsse, Obst, Fisch, Fleisch, Eier, lebende Hühner, Papageien, Affen, Süßigkeiten, Konserven, Hummer, Zucker, Mehl, Öl, alles, was du dir nur denken kannst. Ein herrlicher Markt für starke Nerven…!

KHI 1992

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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