Veröffentlicht in Unterwegs: Hongkong

Gäste

Sie kam mit einem Gleichmut daher, als säße hier niemand. Als gehöre ihr dieser Platz unter den abendlich bunten Lichterketten allein, schritt sie gleichmäßig aus. Mit dem geschmeidigen Gang einer Leopardin überquerte sie die Terrasse, um sich genau neben meinem Stuhl einen Platz zu suchen. Augenscheinlich jung, schlank und schön saß sie dort fast regungslos für eine oder zwei Minuten, um sich nach meinen bewundernden Blicken, die sie ebenso gleichmütig entgegen genommen, wie sie den Platz überquert hatte, ihre und meine nähere Umgebung näher zu inspizieren.

Das Gespräch an meinem Tisch war unterdessen gleichmäßig plätschernd vorangegangen, die Pegel in den Biergläsern senkten sich langsam und fast gleichzeitig, um nach einer kleinen Verschnaufpause wieder aufgefüllt zu werden.

Ich beobachtete sie, wie sie erst an dem einen Stuhl, dann an dem anderen verweilte, scheinbar ziellos einem dritten zustrebte, immer noch mit eleganten Bewegungen, weder hier noch dort etwas Bemerkenswertes ausmachen konnte.

Die Bedienung, beladen mit Tellern, auf denen kunstvoll die Vorspeisen arrangiert waren, lenkte meinen Blick ab und meine Konzentration auf die Köstlichkeiten, die nun auf dem Tisch platziert wurden. Rosaweiße Shrimps lagen nackt und in festem Fleisch dichtgedrängt auf einem grünen Beet von Salatblättern, warteten auf die cremige Umhüllung der Cocktailsoße. Der Duft von Knoblauch, gemischt mit dem gerösteter Zwiebeln stieg von einem Teller mit gebratenen Tintenfisch auf, stieg in unsere Nasen. Auf einem dritten Teller von der Größe einer Platte gaben sich leuchtend rote Tomaten, blasse Gurken und allerlei Meeresfruchtteilchen auf frischem Grün ein buntes Stelldichein. Gabeln bewegten zart einzelne Bissen, Gaumen ertasteten unterschiedliche Geschmacksnuancen, Augen schlossen sich in sinnlichem Entzücken.

Ich hatte sie fast vergessen. Erst nach meinem Zurücklehnen im Stuhl, noch den eben genossenen Wonnen hingegeben, entdeckte ich sie: sie blickte mich nicht an, forderte nicht, stand einfach nur da. Sie schien gesättigt zu sein, kein Interesse an unserem Essen zu haben. Sie drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse, schien zufrieden und rollte sich direkt vor meinen Füßen zusammen. Lag dort, pechschwarz und glänzend, den Schwanz adrett um sich gelegt, wie es sich für eine ordentliche Katze gehört.

1995

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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