Veröffentlicht in Heimat

Der schönste Tag meines Lebens

Zum Mittagessen hatte es Blumenkohl gegeben. Sie mochte keinen Blumenkohl. Aber sie hatte brav aufgegessen, wollte keinen Ärger. Jetzt war alles ruhig im Haus. Sie lag auf ihrem Bett und besah sich ihre Füße. Zierliche, schmale Füße, sie fand sie schön, sehr schön sogar. Staub tanzte in der Nachmittagssonne, die steil in ihr Zimmer schien. Das Fenster war gekippt, sie hörte die Spatzen schimpfen, irgendwo, da draußen. Sie wollte raus. Raus, bloß nicht diesen sonnigen Nachmittag drinnen bleiben müssen. Womöglich kam Bernhard noch, der den Kopf durch den Türspalt schob und sie wieder fragen würde, ob sie mit ihm Memory spielen wolle. Nein, heute nicht.

Es war ganz einfach gewesen. Im Haus war immer noch alles ruhig, der Kohlgeruch durchzog schwach den Flur. Sie hatte die Haustür leise geschlossen und machte sich auf den Weg. An einem rosafarbenen Rhododendron blieb sie stehen. Welch eine Farbe! Eine dicke Hummel krabbelte vor Ihren Augen in eine Blüte hinein. So ein schönes, pelziges Tierchen! Blacky hat auch dieses dunkle Fell. Es ist ganz heiß, wenn er in der Sonne liegt. Blacky? Wo ist Blacky? Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihn zu Letzt gesehen hatte. Er stromerte immer gern herum, kam aber, wenn sie ihn rief. Blacky, dessen linkes Ohr immer leicht vorkippte. Sie hatte Blacky zu ihrem achten Geburtstag bekommen. Ein kleines, winziges Etwas, das nur ihr gehörte, bald würde er drei Jahre alt sein. Sie ging weiter, die Straße hinunter. Blacky? Blacky, komm! Er war nirgends zu sehen. Er würde schon kommen, später, wenn sie auf dem Heimweg ist. Dann wird er sie bereits erwarten, vorne, an der Haustür.

Fast hätte der Wagen sie überfahren. Der Fahrer hupte, lang und anhaltend. Sehen konnte sie ihn nicht. Autos, dicht an dicht, so viele Autos. Vor Schreck klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Nur schnell rüber zum Schaufenster, erst einmal zu Atem kommen. Es war so laut. Wie viele Menschen unterwegs sind. Wo wollen die alle hin? Sie wünschte, ihr Papa wäre jetzt bei ihr. Ihr Vater hätte sie sicher über die Straße gebracht. Manchmal nahm er sie auch mit in ein Cafe. Saß ihr in seiner schönen Uniform gegenüber, bestellte für sich einen Kaffee und für sie einen Eisbecher. Drei Kugeln Eis mit Sahne. Drei Kugeln Erdbeereis. Aber hier war kein Cafe. Sie schaute in das Schaufenster. Wer würde solche Schuhe tragen? Nein, hier wollte sie nicht sein. Zu viele Menschen, zu laut. Einfach weiter gehen. Schon an der nächsten Ecke wird es ihr wieder einfallen. Ja, bis zur nächsten Ecke gehen, dann erkennt sie die Straße sicher wieder.

Langsam taten ihr die Füße weh. Sie war ganz schön weit gegangen. Blaue Leuchtbuchstaben auf weißem Grund: POLZEI. Eine Polizei-Dienststelle! Langsam erklomm sie die Stufen, hielt sich am Geländer fest. Durch die Glastür sah sie eine junge Frau in Uniform am Tresen stehen. Papa hatte auch eine Uniform getragen. So schneidig hatte er ausgesehen mit seiner Polizeimütze. Seine Dienststelle hatte anders ausgesehen. Keine Glastür. Langsam öffnete sich die Tür, wurde ihr aufgehalten.

Endlich sitzen. Man war sehr freundlich zu ihr gewesen. Die Polizei, Dein Freund und Helfer! Die junge Frau am Tresen hatte sich mit ihr unterhalten. Die hatte auch mal einen Hund gehabt. Aber keinen Kleinen, wie Blacky. Einen Schäferhund hatte die gehabt. Sie wollte ihr gar nicht glauben, dass sie schon 88 Jahre alt war. Nein, wirklich! Es war eine nette kleine Plauderei. Dann musste die junge Polizistin telefonieren. Natürlich, sie war ja im Dienst. Der kleine Dicke hatte sie herum geführt, ihr die Dienststelle gezeigt. Jetzt saß sie im Aufenthaltsraum, als sei sie eine Kollegin. Ein heller, freundlicher Raum. Wie vergnügt und heiter die Kollegen sind. Jemand hatte Geburtstag, es war noch Eis da. Es war ihr ein bisschen unangenehm. Schließlich war sie nicht eingeladen. Aber sie waren alle so reizend zu ihr. Nach der zweiten Kugel Eis wollte sie ablehnen, aber der kleine Dicke war nicht zu bremsen. Vor ihr lagen drei Kugeln Erdbeereis in einer kleinen Schale. Auf die Frage nach etwas Sahne nickte sie nur noch. Erdbeereis mit Sahne, fast, wie mit ihrem Papa im Cafe.

Das war der schönste Tag in ihrem Leben! Das sagte sie auch Bernhard und dem anderen Pfleger, die sie später dort abholten.

MV 2014

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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