Veröffentlicht in Unterwegs: Hongkong

Auf der Suche nach Weihnachten

Ein Spaziergang in Hongkong am 14 Dezember 1997

Der Morgen ist grau und dunstverhangen, es weht ein kräftiger und kalter Wind. Die Sonne hat nicht die Kraft, dieses Grau zu durchbrechen und die Temperaturen liegen bei 14 Grad. Eine warme Jacke ist also auch in diesen Breiten im Dezember sehr willkommen.

Trockenes Laub liegt auf dem Boden, ordentlich allmorgendlich von den Hakka Frauen zu Haufen gefegt und von der Strasse entfernt. Vogelstimmen sind hier oben am Berg, noch fern der Stadt, im undurchdringlichen Grün zu hören. Wanderer und Spaziergänger streben dem Berg entgegen, behängt mit Rucksäcken, an der Hand ihre Kinder. Der Minibus rumpelt mühsam die steile Strasse bergan. Wenn er hinter der Biegung verschwunden ist, wird er umkehren und mich gegen abgezähltes Kleingeld mit hinunter in die Stadt nehmen.

Die Straße schlängelt sich stetig fallend am Berg entlang durch dicht bebautes Wohngebiet. Hier steht ein Wolkenkratzer im Schatten des anderen und die Portale der meisten sind mit Lichterketten geschmückt, vor manchen stehen die üblichen Christsterne in Kübeln  Der Bus rumpelt schlecht gefedert durch eine Baustelle, denn auch am heutigen Sonntag ruhen die Bauarbeiten nicht. Halbseitig ist der Verkehr gesperrt, aber in wenigen Stunden wird die Arbeit fertig gestellt und die Strasse wieder befahrbar sein, als hätte es diese Störung im Straßenverkehr nie gegeben.

Nach einer steilen Abfahrt, vorbei am Kneipenviertel Lan Kwai Fong und dem unmittelbar daneben gelegenen, legendären FCC – dem Foreign Correspondence Club – erreiche ich Central und werde von abgasgeschwängerter Luft und ohrenbetäubendem Lärm empfangen. Es ist Sonntag, ein Tag wie jeder andere auch in dieser geschäftigen Stadt. Fast alle Geschäfte haben geöffnet, auch die Supermärkte, nur die Banken bleiben am Wochenende geschlossen.

Die üblichen Menschenmengen schieben sich in vielerlei Richtungen durch die noblen Einkaufsstrassen, beladen mit zahlreichen Einkaufstüten versehen mit den Aufdrucken weltweit bekannter Marken. Männer in dunklen Anzügen korrekt gekleidet bis zum Hals, Frauen nicht weniger elegant in dem immer noch klassischen Chanel Kostüm, dazwischen Touristen: leicht zu erkennen an ihrer wesentlich legereren und auch sehr sommerlichen Kleidung. Die roten Taxis zwängen sich an den dicht an dicht haltenden Bussen vorbei, alles schiebt, ist in Bewegung, kein Ort des Stillstandes. Der Verkehr zwingt einem jeden seinen Geräuschpegel auf, nur überboten von der Nationalhymne der Stadt, dem Geratter der Presslufthammer, die niemals schweigen

Auf einer der vielen überdachten und verglasten Fußgängerbrücken zwischen den verschiedenen Hochhäusern ist eine monströse Dekoration aufgestellt worden, an der ich nur mit Mühe etwas Weihnachtliches entdecken kann: Riesengrosse, nicht sonderlich meisterhaft angefertigte Personen aus Pappmache stellen eine Band dar, die – spielten sie tatsächlich miteinander – allein schon an ihrer von einander abgewandten Haltung erahnen lassen, dass es sich kaum um einen Hörgenuss handeln würde.

Just darunter beginnt der Teil der Chater Road, der jeden Sonntag im Jahr für den Verkehr gesperrt ist. Hier treffen sich schon am Morgen – egal zu welcher Witterung – die zigtausenden maids, die philipinischen Haushaltshilfen dieser Stadt. Es ist ihr gesetzmässig vorgeschriebener freier Tag und sie haben keinen anderen Ort, an dem sie ihn mit ihren Freundinnen verbringen können. Jeden Sonntag lagern sie in dicht besetzten Gruppen auf dem Asphalt, erzählen einander, teilen ihr Mittagessen, schreiben Briefe oder schneiden sich gegenseitig die Haare. Hier werden Fotos angesehen, Musik gehört und vor allem auch der lange Sonntag teils genossen, als auch abgesessen. Die Luft ist erfüllt von Sprachfetzen in Tagalog, es klingt, als sei man in einen großen Vogelschwarm geraten. Das Gezwitscher wird häufig von Gelächter unterbrochen, diese Frauen sind sehr heitere Menschen. Sie hocken auf Zeitungen und Tüchern, direkt vor den spiegelnden Schaufenstern bekannter Designermarken, in denen die oftmals einzeln ausgestellte Robe üppig mit Weihnachtsschmuck garniert, heute keinen Blick einheimsen kann.

Aber Weihnachten? Weihnachten kann ich immer noch nicht sehen.

Weiter östlich, immer noch auf der Chater Road, ist eine große Bühne aufgebaut worden; die Band spielt für die Operation Santa Claus, eine Wohltätigkeitsveranstaltung der South China Morning Post, die hier alljährlich stattfindet. Die sich dort anschließenden Hotels der gehobeneren Preisklasse sehen zu dieser Jahreszeit aus wie überall auf der Welt: Eingänge flankiert von meterhohen und geschmackvoll geschmückten Tannenbäumen, Glastüren, die zart mit künstlichem Schnee besprüht worden sind und überdimensionalen Schleifen in Purpur oder angelsächsisch rot-grün-kariert, die in regelmässigen Abständen vor den Fenstern baumeln. Lichterketten brennen auch bei Tageslicht, aufwendig mit Christsternen bepflanzte Kübel trennen die Eingänge vom drängenden Autoverkehr. Gegenüber, auf der Baustelle des ehemaligen Hilton Hotels arbeiten auch heute in mittlerweile luftiger Höhe die Handwerker.

Eine Touristin hält mich auf einer der vielen Fussgängerbrücken an – in dieser Stadt findet der Fußgängerverkehr, zumindest in Central, nicht immer auf der Strasse statt sondern führt von einem Geschäfts- und Bürogebäude ins andere. Sie fragt mich nach dem Grund der unüberseh – und hörbaren Frauengruppen dort unten auf dem Asphalt und ich gebe ihr gern Auskunft, hatte ich mich doch auch vor Jahren gefragt, was dieses Treiben wohl zu bedeuten hätte.

Mein Weg führt mich wieder und immer noch vorbei an Schaufenstern der unterschiedlichsten Art und es gibt wohl keinen Kuchen, keinen BH, noch ein Paar Strümpfe oder unerschwingliche Colliers, die nicht mit Kugeln, Lichtern oder billigem Flitter behängt sind. Aus den Lautsprechern der Ladenpassage dudelt Weihnachtsmusik, an den Scheiben der Schaufenster kleben schon heute die hohen Prozentzahlen des Preisnachlasses. Anders als in Europa fallen die Preise schon Tage vor dem Fest um bis zu fünfzig, ja teilweise um siebzig Prozent. Sale, sale schreit es von jedem zweiten Fenster. Mit der Musik aus der Ladenpassage wetteifern die Hits aus den weit geöffneten, einzelnen Geschäften in ihrer Lautstärke.

Am liebsten möchte ich sofort hier raus! Aber nein, ich bin immer noch auf der Suche nach Weihnachten und lande am Ende dieser Passage im prestigereichsten Shopping Center der Stadt, dem Pacific Place.

Hier tummeln sich dicht an dicht die teuersten Geschäfte der Bekleidungsindustrie, einige kleinere Bistros nebst dem unvermeidlichen amerikanischen Feinschmecker Restaurant mit seinem weithin leuchtenden gelben M sorgen für ausreichende Energie der Käufer und Besucher. Mehrere Kinos sind hier ebenso untergebracht und zwei Spitzenhotels haben hier ihren zweiten Eingang.

In diesen Tagen des vorgezogenen Schlussverkaufs strömen Besucher, Familien und Pärchen gleichermaßen in die spiegelnden Hallen, ergießen sich über mehrere Rolltreppen und schauen dichtgedrängt aus dem gläsernen Aufzug hinunter auf die Menschenmengen. Im Erdgeschoss lockt schon seit Tagen eine großzügig angelegte Dekoration die Familien mit Kleinkindern an: Gut betuchte Eltern stehen mit ihren nicht immer fröhlichen Kleinkindern an der Hand geduldig in der Warteschlange zur Kasse. Das Eintrittsticket erlaubt den Gang durch einen verschneiten und kunterbunt geschmückten Garten zu einem Pavillon aus Tannenzweigen, in dem der Weihnachtsmann höchstpersönlich im Akkord ängstlich dreinblickende Kinder auf den Schoss nimmt. Ein Blitzlicht flammt auf und das Kind bekommt eine Tüte mit Süßem und die strahlenden Eltern ein Polaroidfoto in die Hand gedrückt Am äußeren Gartenzaun wechseln sich die Gruppen ab,  Oma, Opa und diverse Kinder werden unter Zuhilfenahme albernster Aufmunterungen auf Zelluloid gebannt. Es ist auch hier voll von Menschen, es schiebt und drängt sich, Musik dudelt, Kinder weinen, Weihnachten angeblich gegen Bares, ich will hier raus, sofort. Lasse eine Fensterflucht angefüllt mit Edelkitsch – goldene Körbe mit goldenen Äpfeln und Tannenbäumchen aus goldenem Plastik behängt mit matt schimmernden, rosaroten und kupferfarbenen Glasherzen – hinter mir und kämpfe mich durch den Ausgang.

Auf der Strasse ist der Lärm nicht wesentlich geringer, aber ich kann ausschreiten, lasse das Viertel des aufdringlichen Kommerzes hinter mir und folge der Queens Road East nach Wanchai, dem Stadtteil, der eher unter dem Namen Suzy Wong bekannt wurde.

Es tut gut, zu gehen und ich bleibe vor dem einen oder anderen Schaufenster der zumeist geschlossenen Antiquitätengeschäfte stehen. Poliertes Rosenholz schimmert rötlich in aufwendiger Verarbeitung. Dichtgedrängt stehen Kleinmöbel auf engstem Raum. In dieser Strasse befinden sich Einrichtungsläden aller Art, ältere Firmenschilder werben mit ihren Namen: Hung Fuk Curtain, Ching Cheung Co., oder Wah Yung Furniture, an der Ecke zum Gemüsemarkt mit seinen baufälligen, ja schäbigen Blechhütten, die grün gestrichen sind, prangt in Goldlettern der Name eines nagelneuen Geschäftes. Ich weiche entgegenkommenden Menschen entlang einer Baustelle aus und möchte mich für einen Augenblick ausruhen. Ich weiß, nach nur wenigen Metern werde ich eine Parkbank finden..

Ich habe es gefunden: hier fühle ich Weihnachten, das Fest der Liebe! Unscheinbar, wie viele dieser Art, in einer sog. sitting area – einem betonierten, kleinen Platz, der von schmalen Bäumen gesäumt wird und einige, wenige Parkbänke beherbergt – hat sich eine Gruppe von maids eingefunden, die angetan in ihren besten Ausgehkleidern einen Halbkreis vor einer Frau mit Gitarre bilden und mit wunderschönen Stimmen und sehr viel Inbrunst “ Stille Nacht, heilige Nacht“ singen.

Ich sinke auf eine der Steinbänke und ihre Lieder erfüllen mich mit einem tiefen Gefühl des Friedens, hier in dieser brodelnden Stadt. Endlich.

HGK 1997

Autor:

Lange unterwegs gewesen und endlich angekommen.

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